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Des Pudels Kern

15.04.2013

Wir trafen Perry zum ersten Mal 1992 in Seal Beach, Kalifornien. Es war einer jener nebelverhangenen Sommer, in welchen die nach Süden setzende kalte Meeresströmung entlang der Küste für kühle Temperaturen und graue Vormittage sorgt. Die angenehmen Morgenstunden nutzten wir jeweils im Hause unserer Freunde in Long Beach fuer ein ausgedehntes Frühstück auf deren gemütlichen Balkon über der Garage. Danach brachen wir mit verschiedenen Fortbewegungsmitteln jeweils zu ausgedehnten Erkundungen der Umgebung auf und staunten dabei über die abwechslungsreiche Landschaft, die wir bisher „nur“ mit long beaches in Verbindung gebracht hatten.
Diesmal waren wir mit einem Kanu und einem Kajak unterwegs und ruderten durch die Kanäle von Venice Beach, um die vielseitige Architektur wohlhabender Quartiere zu bewundern. Dabei diskutierten wir angeregt darüber, welches Haus es denn für uns sein sollte; natürlich eines mit Anlegesteg für ein nicht zu kleines Boot, denn wir hatten vor einigen Jahren den Segelsport entdeckt. Unsere Freunde kannten unsere Begeisterung für das neue Hobby und führten uns per Kajak und Kanu in eine nicht weit entfernte Marina im hinteren Teil einer zum Pazifik hin offenen Bucht.
Kaum hatten wir unsere Bötchen am Gästesteg festgemacht, stand der Leiter der Marina vor uns und hiess uns herzlich willkommen, auch wenn wir mit unseren Nussschalen nicht zu seiner Klientel gehören konnten. „I’m Perry, nice to meet you.“ Er war eher klein aber sehr kräftig, mit einem Brustkorb, der genauso tief wie breit schien und mit Unterarmen und Händen, die in der Marina auch als Schraubstöcke hätten dienen können. Sein dichtes Haar war sorgfältig gescheitelt und auf seiner nach unten gebogenen Nase sass eine edle Brille mit feinem Goldrand. Er trug hellbeige Bermudas und ein feinkariertes Kurzarmhemd. Er mochte etwa 60 Jahre alt sein. Als er hörte, dass wir Segler waren, bot er uns an, nach seinem Feierabend zum Sundowner in ein nahegelegenes Lokal zu kommen, und so setzten wir uns einige Stunden später im „Rusty Pelican“ zusammen auf die weichen, tiefen Clubstühle und erfuhren bei einigen Daiquiries, das erste Kapitel aus Perrys abenteuerlichem Leben.
„Seit wann segelt ihr?“
„Seit 3 Jahren.“
„Ich seit über 50 Jahren. Ich wuchs in Chicago auf und baute mir als Junge aus einem alten Fischerboot mein erstes Segelboot. Seither habe ich immer ein Boot besessen. Als ich 14 war erlebte ich mit 2 Freunden den ersten Sturm auf dem Lake Michigan, den wir, wie mir später klar wurde, wohl nur knapp überlebten.“
„Hast du das Segeln zu deinem Beruf gemacht?“
„Nein, mit 15 ging ich zum Militär, ich wollte Pilot werden.“
„ Haben die USA damals Kindersoldaten ausgebildet?“
„Ich fälschte die Unterschrift meiner Mutter auf einem Formular, das mein Alter bestätigen sollte. Ich schaffte es aber nie ins Cockpit, sondern wurde dem Bodenpersonal zugeteilt.“
„Das muss irgendwann zwischen Koreakrieg und Vietnamkrieg gewesen sein.“
„Ja, genau, ich verpasste es leider, an einem der beiden Kriege teilnehmen zu können.“
„Wie? Du wärest gerne auf die Schlachtfelder Südost-Asiens gezogen?“
„Wir wurden angegriffen, und ich wäre bereit gewesen, mein Vaterland zu verteidigen.“
„ Auf der anderen Seite des Globus?“

Draussen hupte es, und eine junge Frau mit langen dunklen Haaren, aus denen grosse silberne Ohrringe hervorblitzten, winkte aus einem bulligen Truck herüber. Perry stand auf, bezahlte die Runde, verabschiedete sich und winkte dem Besitzer des Lokals. Dieser kam auf uns zu, wohl in der Annahme, dass auch wir zum Aufbruch bereit wären.
„ War das Perrys Tochter?“, fragten wir, um noch etwas mehr über unseren neuen Bekannten zu erfahren.
„Nein, seine dritte Ehefrau.“
„Sie ist noch sehr jung...“
„Perrys Frauen waren immer gleich jung, nur er wurde älter, aber das sollte er Ihnen selbst erzählen. Wissen Sie übrigens, wem Sie begegnet sind. Er war in den 60er- und 70er-Jahren ein sehr bekannter Schuhdesigner; halb Hollywood tanzte in seinen Schuhen. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann.“
„Er war?“
„Ja, mit dem Aufkommen der billigen Produktionsbedingungen in Asien schrumpfte die Schuhindustrie hier rasant, und Perry, der eine eigene Firma gegründet hatte, ging bankrott.“
Kurz darauf brachen wir zu einer Rundreise zu den Naturwundern Kaliforniens und Arizonas auf und mussten die soeben geweckte Neugier für einige Zeit zügeln. Als wir Perry ein paar Wochen später in der Marina aufsuchten, liess er sich gerne zu einem Nachtessen einladen und schlug ein kleines italienisches Lokal an der Second Street in Long Beach vor. Es war berühmt für seine „Onion Bricks“, in heissem Öl zu einem luftigen, knusprigen Würfel zusammengebackene Zwiebelringe.
„Hast du eigentlich Kinder?“, fragten wir bei Risotto und Merlot, eher an seine dritte Ehefrau denkend, die wir beim „Rusty Pelican“ kurz gesehen hatten.
„Ja, drei, aber sie sind schon lange erwachsen. Sie stammen aus meiner ersten Ehe, und das ist schon ein Weilchen her.“ Wir schwiegen. „Rosita, die ihr beim „Rusty Pelican“ gesehen habt, ist meine dritte Frau“, fügte er hinzu, wohl unsere Gedankengänge erahnend. „Ich habe meine Kinder nach der Scheidung selbst grossgezogen, da sie nicht meiner Frau zugesprochen wurden. Ich habe darum gekämpft, dass sie nicht in ein Heim abgeschoben wurden und tat alles, um der Sozialfürsorge keinen Grund zu bieten, mir die Kinder wegzunehmen. Ich war erfolgreich im Beruf und als Vater: Jeden Sonntag führte ich die Kinder in die Kirche, obwohl ich Agnostiker bin, jede Woche ging ich mit allen ins Kino; ich habe alle Kinder- und Jugendfilme jener Epoche gesehen. Ich sang ihnen Schlaflieder, kochte für sie und organisierte eine Nanny, wenn ich berufsbedingt reisen musste.“

Achtzehn Jahre später, nun auf eigenem Kiel unterwegs, brachen wir zu einer längeren Reise auf und segelten aus dem Mittelmeer über den Atlantik. Nach 16 Tagen auf See gingen wir in der weiten, durch Riffe gut geschützten Clarke’s Court Bay vor Anker. Hier liegen im Winter jeweils 20 bis 30 Schiffe. Zweimal in der Woche fährt ein Kleinbus die Segler zum grossen Einkaufzentrum in St. Georges. Als wir den Bus am zweiten Tag nach unserer Ankunft, etwas unsicher um uns blickend, bestiegen, kam vom Beifahrer-Sitz ein Schrei: “NELLY! – PETER!“ Perry sprang aus dem Bus und drückte uns gegen seine Brust. Er war von der Karibik-Sonne gebräunt, sein Haar war grau geworden, er ging nun gegen achtzig, aber er war elegant und charmant wie damals in Long Beach. Sogleich nahm er uns unter seine Fittiche und führte uns durch den Supermarkt, um uns alle Köstlichkeiten vorzustellen, die ein Segler braucht. Am nächsten Morgen holte er uns mit seinem Beiboot ab und führte uns zu einem versteckten Landungssteg, von wo wir mit dem öffentlichen Bus zur Stadt fuhren, um weitere für Segler wichtige Läden, die Bank und den Markt kennenzulernen.
„Heute Abend ist Karaoke in der Marina, da singe ich. Treffen wir uns doch um 18 Uhr zur Happy Hour!“
„Wir freuen uns“, logen wir, denn Karaoke ist nicht gerade unsere Spezialdisziplin und Lieblingsbeschäftigung.
Am Abend hatte Perry seinen Zwergpudel „Sunny“ mit und unterhielt die Kinder der Segler mit dessen Kunststücken. Besonders beliebt war die Szene, wenn Perry seine Hand zur Pistole ausstreckte und „peng!“ rief. Der Pudel liess sich hinfallen und blieb wie tot liegen. Die Kinder kreischten vor Vergnügen.
Perry sang gut, besonders sein Parade-Stück „They Call the Wind Maria“, das er a cappella zum Besten gab.
„Wow! Das machst du nicht zum ersten Mal!?“
„Ich sang schon als Kind in Musicals mit...“
Als das Karaoke überstanden war, sassen wir bei einem Cuba Libre an der Bar.
„Wo ist eigentlich Rosita? Segelst du alleine?“
„Damals als wir uns im Rusty Pelican trafen, war ich frisch verliebt und jung verheiratet, wenn man so sagen will. Aber Rosita war ein Teufel. Sie war nur hinter meinem Geld her. Sie arbeitete nichts und war nur auf Schmuck, Unterhaltung und Einbürgerung aus. Vor sieben Jahren begann ich, mein Segelboot für grosse Fahrt auszurüsten. Ein Jahr später geschah etwas Fürchterliches: Ich hatte wenige Wochen zuvor ein Pudelbaby gekauft. Ich kam spät von einer Besprechung nach Hause und hörte aus dem Badezimmer ein leises Wimmern und Winseln. Zitternd sass Sunny in der Badewanne und sein krauses Fell war mit einer gelbbraunen Mischung aus Kot und Urin beschmiert. Aus der Küche schrie Rosita und ihre Stimme überschlug sich dabei: „Ich bin nicht dazu geboren, Hundescheisse und Hundepisse von meinem Küchenboden aufzuwischen. Das wird dein Hündchen lehren.““ Perry konnte zwar ein Raubein sein und war sicher nicht zimperlich, was er aber nicht ausstehen konnte, war die ordinäre Sprache einer Frau. Wortlos reinigte er Sunny in der Badewanne und legte sich dann mit ihm zusammen aufs Sofa. Bald schlief Sunny in Perrys kräftiger Hand ein.
Perry senkte seine Stimme und fuhr fort:
„Ich hob mein ganzes Geld von der Bank ab und versteckte es in der Bilge des Bootes. Rosita erklärte ich, dass ein Kunde der Marina mich für vier Tage als Skipper für eine Trainingsfahrt nach Catalina Island angeheuert hatte. Tags darauf stachen Sunny und ich im Morgengrauen in See und als wir ausserhalb der Hoheitsgewässer der USA waren, nahmen wir Kurs Richtung Panama.
„Das tönt wie eine Flucht...“
„Ich habe Rosita die ganzen Möbel und das Auto zurückgelassen. Mehr werde ich nie und nimmer für sie tun; sie soll arbeiten. Sie nahm sich natürlich sofort einen Anwalt, der mir mit Gefängnis drohte, falls ich meinen Verpflichtungen nicht nachkäme. Aber hier in der Karibik bin ich sicher. Seither habe ich die USA nicht mehr betreten und gedenke auch nicht, es noch mal zu tun. Hier sind Sunny und ich glücklich und frei.“

Als wir mit unserem Beiboot gegen Mitternacht durchs dunkle Wasser der Clarke’s Court Bay zu unserem Schiff zurückfuhren, klang in unseren Gedanken noch Perrys Lied nach:

Before I knew Maria’s name
And heard her wail and whinin’
I had a girl and she had me
And the sun was always shinin’
But then one day I left my girl
I left her far behind me
And now I’m lost, so gone and lost
Not even God can find me
Maria
Maria
They call the wind Maria


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